Die Europameisterschaft in Portugal liegt hinter uns – eine Wettkampfwoche voller Emotionen, Höhen und Tiefen. Natürlich werden in diesem Bericht die Rennen, Resultate und sportlichen Leistungen im Mittelpunkt stehen. Schliesslich haben wir monatelang auf diesen Saisonhöhepunkt hingearbeitet und während den Rennen alles gegeben. Doch während die Ranglisten und Zeiten schwarz auf weiss festgehalten sind, wird mit etwas Abstand vermutlich etwas anderes stärker nachhallen: die vielen gemeinsamen Momente zwischen den Rennen. Die langen Tage im Team, gemeinsame Abendessen, High-Fives und Umarmungen, unvergessliche Gespräche und all die Geschichten, die auf den Ranglisten nicht dargestellt werden. Dieser Bericht soll sowohl den Rennen, als auch allem, was dazwischen passiert ist, Platz bieten.
Die Vorbereitung
Wir durften uns bereits einige Tage vor dem ersten Wettkampf in unserer Unterkunft einrichten. Von der frühsommerlichen Schweiz ins heisse Portugal zu kommen war fordernd für unsere Körper. Der Pool, den unsere Unterkunft hatte, half da sehr stark. Bereits am ersten Abend machten wir unsere Bikes ready und gingen los auf einen kurzen Ride. Der Ride entwickelte sich aber eher in andere Richtungen… Chrigi, der als Betreuer hier war, holte sich einen Platten, den wir nicht flicken konnten und bereits nach dem ersten Downhill wurde sein Ride in ein Lauftraining umgewandelt. Der “Trail” hätte an einem wunderschönen Fluss entlang geführt, mitten durch die iberische Wildnis. Er war aber schon nach kurzer Zeit nicht mehr vorhanden, so waren auch die anderen gezwungen, abzusteigen und zu wandern. Zeitweise wurde aus dem Wandern sogar eher ein Bouldern, da am Flussufer überall grosse Steinbrocken lagen und den Weg versperrten. Nach der Hälfte kämpften wir uns aber auf eine nahe gelegene Teerstrasse hoch, wo Chrigi dann abgeholt werden konnte. Die Verbliebenen fuhren weiter, dieses Mal auf Trails, die tatsächlich existierten und notabene auch sehr viel Spass machten. Auf unserem Ride sahen wir einen Hüte-Hund, gross wie ein Kalb, eine halbe Schlange (wo war wohl die andere Hälfte des Tieres?), viele Schafe und Kühe, Tierknochen, Gänsegeier und Pferde.
In den folgenden zwei Tagen machten wir ein Kartentraining in einer Stadt namens Guarda, einen Spaziergang in Almeida, der sternförmigen Stadt, wo der Sprint stattfinden würde, und das Model-Event des Veranstalters. Aussderdem nahmen wir teil an der Opening Ceremony, die in der Altstadt von Almeida stattfand und für einmal wirklich einen feierlichen Touch hatte.


Der Auftakt
Und am Tag drauf war bereits Wettkampf angesagt. Wir quetschen uns in die viel zu kleine Quarantäne und warteten. Durch den Zaun konnte man Blicke auf das Ziel erhaschen und wir sahen zu, wie die Jugend- und Junioren-Fahrer:innen ins Ziel einfuhren. Dann war endlich auch für die Elite der Moment gekommen. Der Sprint startete enorm schnell und deutlich einfacher, als wir angenommen hatten. Die Veranstalter hatten bei der Bahnlegung offenbar extrem hohen Wert darauf gelegt, Gegenläufigkeiten zu vermeiden. Daher gab es “nur” eine kurze Runde durch die Altstadt und eine Runde durch die komplexen Stadtmauern und Gräben, ausserhalb der Altstadt. Die Elite verpasste die Podiumsplätze, aber Malin konnte sich bei den D20 die Silbermedaille sichern. Nach dem Rennen luden wir alles Material ins Büssli. Für die Pasagiere hatte es dann halt nur noch auf dem Dach Platz 😉

Der Middle-Teil
Wieder ein Rennen, wieder der altbekannte Ablauf. Aufstehen, Zmorge essen, Packen, Fahren, Quarantäne, Warten. Wir hatten von unserem Schattenplatz aus beste Sicht auf den Start, also taten wir das, was wir am besten können. Zuschauen und kommentieren (auch wenn dabei selten was Schlaues rauskommt…) Wir feierten, dass fast alle Juniorinnen direkt am Start den Junioren davon zogen. Und wir lachten darüber, wenn der Junior dann total übertrieben hinterher sprintete, sobald er realisierte, was passiert. Und auch heute war nach langem Warten dann endlich Zeit für die Elite. Der Middle war ultra schnell und dementsprechend klein war die Fehler-Toleranz. Zudem war es eine grosse Herausforderung, abzuschätzen, wo man cutten soll und wo nicht. Noah hatte das gut im Griff und erkämpfte sich einen guten vierten Rang. Aber Celine… Celine hatte es perfekt im Griff und entschied das Rennen für sich. Es war nicht einmal knapp. Die Schweiz hat zum ersten Mal seit Christine Schaffners Ära wieder eine Europameisterin!!! Und damit ist noch nicht Schluss. Auch Ursina holte sich mit dem sechsten Rang ein Diplom. Als klar wurde, dass es für ein Diplom reicht, stand sie direkt neben mir. Und jubelte laut heraus. So kennt man die ruhige Ursina sonst gar nicht ;). Ausserdem holte Malin bei D20 wieder Silber und Joy holte sich bei D17 ebenfalls die Silbermedaille!! Wir durften abends am Rangverlesen endlich mal wieder die Schweizer Hymne singen. Arm in Arm mit zwei strahlenden Schweizerinnen auf der Bühne. Gänsehaut.


Das Getümmel
Der Tag war gekommen. Der Tag, der mich persönlich bereits seit Anfang Woche nervös machte. Massenstarts sind immer hektisch. Massenstarts sind immer physisch enorm hart. Massenstarts können perfekt laufen und von einem Moment auf den anderen kippen. Ein dummer Fehler, der einen den Anschluss ans Tram kostet oder einmal unaufmerksam kurz zum falschen Posten gelesen und schon sind die Chancen passé. Wir mussten im Ziel parkieren und noch etwa 5km zum Start fahren. Je näher wir kamen, desto spürbarer wurde diese Nervosität. Fahrerinnen und Fahrer wärmten sich auf, platzierten Trinkflaschen bei der Verpflegung, löschten ihre Badges. Es war ein wildes Gewusel im Start-Gelände. Immerhin: Die Elite war heute als erstes dran und durfte auf die Quarantäne verzichten. Ich persönlich erwischte einen guten Start, machte aber im Mittelteil einen Fehler, der mich den Anschluss an die Spitze kostete. Bis zum Schluss war ich dann nur noch am kämpfen, wieder zur Spitze aufzuschliessen. Auf der Schluss-Schlaufe waren wir dann ein einziges grosses Tram, welche die Plätze 3-8 untereinander ausmachte. Auf die Zielgerade kam ich an achter Stelle. Trotz heftigen Krämpfen sprintete ich aber noch auf den vierten Platz und war damit überglücklich. Aber wieder Celine… Die hat es einfach faustdick hinter den Ohren. Sie verbrachte das ganze Rennen an der Spitze, achtete aber immer clever darauf, wenig zu führen und ihre Gegnerinnen zu beobachten. Den langen physischen Teil führte sie dann alleine mit Nikoline Splittorf. Auf der Schlussschlaufe holte aber Elvira Larsson noch zu den beiden auf. Schliesslich hatte niemand von den dreien eine perfekte Schluss-Schlaufe. Celine verpasste eine Abzweigung auf der Idealroute, aber die anderen beiden folgten ihr und kehrten dann noch um. Ein folgenschwerer Entscheid, denn Celine zog ihre Route durch und fuhr als erste über die Ziellinie. Schon wieder Europameisterin!!! Erneut durften wir Arm in Arm die Hymne singen und unsere selbstgemachte Pumpen-Tröte zum Einsatz bringen. Am Abend mussten wir Celine schliesslich noch ordentlich für ihre beiden Titel feiern. Kurz nach dem Znacht flog sie in unseren Pool. Samt Kleidern und dem Stuhl, auf dem sie sass.



Der Schlussgang
Der letzte Wettkampf dieser EM war die Staffel. Das Team-Rennen, das auf verschiedenste Art zeigte, wie stark unser Team diese Saison ist. Bereits am Vortag bei der Selektion wurde es deutlich. Chrigä musste mal wieder eine harte Entscheidung treffen: 3 starke Elite-Frauen, 2 Staffel-Plätze. Celine zu selektionieren war wohl einfach. Fürs Team 2 fiel die Wahl auf Jana. Ursina musste verzichten. Ursina traf der Entscheid hart, sie zeigte dennoch grossen Sportsgeist und mochte Jana die Selektion von Herzen gönnen. Gleichzeitig durften wir für Ursina da sein und sie trösten – Arm in Arm. Am Staffeltag selbst konnte sie sich dann trotzdem freuen auf einen coolen Bike-OL und ein letztes Battle, auch wenn es ein Mixed-Team war. Die beiden Schweizer Teams waren ready und fokussiert. Und ausserhalb der Quarantäne war die Unterstützung auch in Position: Jann und Malin hatten Stoppuhr und Notizblock gezückt und meldeten an der Arena-Passage Position und Rückstand. Celine und Jana kamen beide an guten Positionen von ihren Strecken zurück. Auf der zweiten Strecke kam es dann zur Überraschung: Team 2 war bei der Arena-Passage vor Team 1 und übergab als führendes Schweizer Team auf die Schlussstrecke. Team 2 hatte zwar nicht damit gerechnet, ready waren wir trotzdem. Meine Beine waren allerdings noch nicht ausreichend erholt vom Vortag und kurz vor der Arena-Passage sah ich Noah aus Team 1 dann von hinten kommen. Ich entschied mich, ihn aufholen zu lassen und ihm Windschatten zu geben, damit er auf der Schlussschlaufe dann mit voller Kraft durchziehen kann. Noah hatte sich aber zu stark verausgabt auf der Aufholjagd und konnte mir nicht mehr folgen. Er rief mir zu, ich solle gehen und mein eigenes Rennen fertig fahren, stellte damit die Schweiz an erste Stelle und nicht sein Staffelteam. Tatsächlich konnte ich dann noch zu Dänemark aufschliessen und einen Rang gut machen. Ob nun Team 1 oder Team 2… Völlig egal. Die Schweiz belegt den achten Nationenrang. Wenn wir es mit Resultaten aus den letzten Jahren vergleichen, ist das keine Top-Leistung. Aber, wie wir dieses Mal als Team vereint zusammengearbeitet haben, wird wohl eindrücklicher in Erinnerung bleiben als irgend ein Rang.
Wir arbeiten zusammen. Wir helfen einander, wir feiern einander, und trösten einander. Wir sind ein unglaublich starkes Team. Liebes Support-Team, Danke, dass ihr euch hinter uns stellt, uns unterstützt, und unsere Reisen verfolgt!

